Mittelständischen Unternehmen wurde lange ein „Cloud-first“-Ansatz empfohlen. Doch bis 2025 zeigt sich eine andere Realität: Für die meisten ist die Hybrid Cloud der Zielzustand – keine Übergangslösung. Bereits über 70 % der Unternehmen betreiben hybride Umgebungen, und Analysten erwarten bis 2027 eine Adoption von 90 %.
Der Grund ist einfach:
Eine reine Public-Cloud-Strategie liefert selten die beste Kombination aus Kosten, Kontrolle und Compliance. Für viele stabile, planbare Workloads kann eine On-Premises-Infrastruktur über drei Jahre hinweg bis zu 55 % günstiger sein als der Betrieb derselben Workloads auf On-Demand-Instanzen. Gleichzeitig sind elastische und saisonale Workloads in der Cloud deutlich effizienter – insbesondere mit Reserved- und Spot-Pricing-Modellen, die die Compute-Kosten um 30–90 % senken können.
Warum „Cloud-first“ im Mittelstand gescheitert ist
Versteckte TCO-Fallen:
Unternehmen geben in der Cloud häufig 20–30 % zu viel aus – verursacht durch ungenutzte Ressourcen, fehlendes Right-Sizing und Egress-Gebühren.
Latenz und Performance:
Echtzeit-Anwendungen im Handel, in der Fertigung oder im Gesundheitswesen können sich zusätzliche 10–30 ms Latenz durch Multi-Tenant-Regionen nicht leisten.
Regulatorischer Druck und Datensouveränität:
Branchen wie Finanzwesen, Gesundheitswesen und Versicherungen müssen bestimmte Datensätze in festgelegten Jurisdiktionen oder vollständig On-Prem betreiben.
Vendor-Lock-in:
Die intensive Nutzung proprietärer PaaS-Services kann enorme Exit-Kosten verursachen. Ein Gesundheitsnetzwerk stand vor einem 8,5-Mio.-USD-Projekt über 18 Monate, nur um einen einzigen Cloud-Anbieter zu verlassen.
Eine pragmatische Hybrid-Strategie
Erfolgreiche Mittelstandsstrategien setzen nicht auf „die eine Cloud“. Sie verfolgen einen Workload-Platzierungsansatz:
On-Premises / Private Cloud
Für stabile, stark regulierte oder latenzkritische Workloads (z. B. Kernbankensysteme, elektronische Patientenakten, Anlagensteuerungen). Diese profitieren von vorhersehbarer Performance und geringeren langfristigen TCO.
Public Cloud
Für elastische, experimentelle oder stark schwankende Workloads – Analytics, digitale Kanäle, Kampagnensysteme – bei denen Auto-Scaling und Spot-Instanzen erhebliche Einsparungen und eine schnellere Markteinführung ermöglichen.
Selektives Multi-Cloud
Der Einsatz mehrerer Hyperscaler lohnt sich, wenn klare Vorteile entstehen: Best-of-Breed-KI oder Analytics, GPU-Zugriff, globale Reichweite oder bessere Verhandlungspositionen. Portable Architekturen (Kubernetes, Terraform, offene Standards) halten zukünftige Migrationskosten im Griff.
Eine einfache 5-Faktoren-Brille zur Workload-Entscheidung
- Geschäftliche & regulatorische Anforderungen: Compliance, Datenresidenz, SLAs
- Technisches Profil: Latenz, Performance, Refactoring-Aufwand
- Data Gravity: Datenvolumen, Sensibilität, Zugriffsmuster
- Wirtschaftlichkeit: 3–5-Jahres-TCO – nicht nur die Rechnung im ersten Monat
- Lock-in-Risiko: Abhängigkeit von proprietären Services und Egress-Kosten
Wie „gut“ aussieht
Mittelständische Organisationen, die hybride Architekturen bewusst gestalten, berichten typischerweise von:
- 25–40 % niedrigeren TCO gegenüber einem reinen Public-Cloud-Ansatz
- 20–30 % Cloud-Kostenoptimierung, sobald FinOps-Praktiken und -Tools etabliert sind
- 87 % Verbesserung der Sicherheits- und Compliance-Lage durch einheitliche Identitäten, Verschlüsselung und Richtlinien über On-Prem und Cloud hinweg
Sie betrachten Hybrid nicht als „halbgare IT“, sondern als Produkt: mit klaren Architekturprinzipien, Plattform-Teams sowie Automatisierung für Landing Zones, Sicherheit und Kostenkontrollen.
Drei Fragen für CIOs und CFOs
- Welche unserer Workloads profitieren wirtschaftlich tatsächlich von der Public Cloud – und welche sind über fünf Jahre On-Prem günstiger und sicherer?
- Wo sind wir bereits gebunden, und was würde ein Exit an Zeit und Geld kosten?
- Verfügen wir über eine portable Architektur auf Basis von Kubernetes und IaC, sodass Multi-Cloud eine Option ist – kein Rettungsplan?
Hybrid ist kein Kompromiss. Für den Mittelstand ist es die Architektur, die Innovation endlich mit Kontrolle in Einklang bringt.